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Die Macht des Zufalls – oder: Ist die Welt noch bewohnbar?
Ein Interview von Wolfgang Hofer mit Olga Neuwirth
Hofer: “Un coup de dés jamais n´abolira le hazard” – dieser
Satz von Mallarmé, wonach ein Würfelwurf niemals je auslöschen
wird den Zufall ... würdest Du dem zustimmen?
Neuwirth: Vollkommen richtig. Es gibt auch den schönen Einstein-Satz “Gott
würfelt nicht”. Man versucht, durch den Würfel den Zufall
nur zu umgehen. Aber der Zufall ist eben nicht auszuschalten. Gott sei
dank. Auch wenn man den Würfel einsetzt, weil man Angst vor dem
Zufall hat, rettet einen das nicht.
Hofer: Eine klassische Redewendung lautet: “Die Würfel sind
gefallen.”
Neuwirth: Alea jacta est. Man will den Zufall auslöschen, denn der
Zufall ist eine Limitation der Freiheit. Indem man selbst nicht mehr
handeln kann. Durch diesen Ausspruch fällt der Mensch eine Entscheidung.
Wie ein Rettungsversuch, sich gegen das Unvorhersehbare zu schützen.
Es geht um die Selbstbestimmung.
Hofer: Noch eine These als Eingangsfragezeichen: Es ist nichts zufällig,
was einem so zufällt.
Neuwirth: Ja, das ist dann die Verdichtung des Zufalls. Ich reagiere
darauf mit einem Gegen-Satz, von Sigmund Freud über den Tod aus
den Jahren 1904/05: “Die Akkumulation des Zufalls setzt dem Zufall
ein Ende”. Durch die Verdichtung und Anhäufung des Zufalls
wird die (Un)Wahrscheinlichkeit ausgelöscht. Da wird es schwierig,
es handelt sich um eine philosophische Frage ...
Hofer: ... macht doch nichts ...
Neuwirth: ...weil: im Leben gibt es wirklich oft Dinge, wo sich etwas
wiederholt und man sich sagt: das kann doch einfach nicht wahr sein,
das gibt es nicht, das kann sich einfach nicht wiederholen. Diese Verdichtung
hat dann plötzlich mit Schicksal zu tun. Und dem kann man nicht
entkommen. Das ist äußerst beängstigend. Weil der einfache
Zufall ist noch auszuhalten, aber die Häufung des Zufalls läßt
das Ich umso mehr zerfallen. Davor hat man Angst. Bei einem einmaligen
Zufall hat man noch die Möglichkeit, zu handeln. Bei der Verdichtung
kann es zu einer (seelischen) Katastrophe kommen. Außer es ereignet
sich so ein Zufall, der immer nur Glück bringt. Dann ist es ja wunderbar.
Hofer: Damit sprichst du schon das ganze Panorama an: des Zufalls zwischen
Katastrophe und Glück. Darauf werden wir sicher noch zurückkommen.
Zunächst aber noch eine metier-technische Frage. Manchmal hatte
ich bei Zufalls-Operationen eines John Cage oder von Morton Feldman den
Eindruck, als ob sie insgeheim doch auch ein wenig mit dem Computer würfelten.
Neuwirth: Im Fall von "...ce qui arrive..." geht es nicht um
den Zufall als Form, sondern den Zufall als Inhalt. Das ist für
dieses Stück besonders wichtig. Ich spiele nicht mit Zufallsmechanismen à la
Cage. Ich glaube ohndies: wenn man als Künstler allein schon in
irgendeiner Weise etwas bestimmst, irgendeine Regel setzt, ist es nicht
mehr der pure Zufall. Was wirklich unglaublich ist, ist daß der
Alltag der pure Zufall ist. Wenn ich als Komponist irgend etwas bestimme,
habe ich den Zufall bis zu einem gewissen Grad schon ausgeschlossen.
Hofer: Das führt mich direkt zur nächsten Frage: Daß Du
das Zufallsprinzip zur Hauptkategorie deiner Arbeit erhebst, erscheint
nämlich zunächst frappant. Zeichnet sich deine Arbeitsweise
sonst doch dadurch aus, daß alles exakt organisiert, bis ins kleinste
Detail durchstrukturiert wird, nach genauestem Plan. Also das wirkt – von
außen betrachtet – ein wenig paradox.
Neuwirth: Das Paradoxe ist ja gerade das, was mich besonders interessiert.
Dadurch entsteht Reibung. Das Komponieren ist das Gegenteil von Leben
(vielleicht bin ich am Ende gerade deshalb Komponistin geworden!) – also
ich will es folgendermaßen formulieren: Im Leben kann man beinahe
nichts vorherbestimmen. Die Macht des Zufalls ist so groß, daß man
sein Leben nicht komplett determinieren kann. Letzten Endes muß man
sich daher jeden Tag neu erfinden, weil das Leben täglich etwas
neues bringt, eine zufällige Situation, auf die man reagieren muß.
Obwohl die Zeit quasi unbeweglich ist. Den Auster-Text “from hand
to mouth” habe ich wegen des Spiels verwendet, das er erfindet.
Indem man Spiele (hier auch als Synonym für Kunst) erfindet, versucht
man, das Leben zu stabilisieren. Und beim Komponieren versuche ich, alles
möglichst präzis zu notieren. Was schon wieder absurd ist,
weil man nicht wirklich alles präzis notieren kann, denn es bleibt
sowieso immer eine Art “fuzzy logic”, eine Grauzone. Es handelt
sich abermals um diesen menschlichen Versuch, gegen den Zufall zu arbeiten,
indem man alles so gut wie möglich determiniert.
Hofer: Vielleicht hat das auch mit dem von Pierre Boulez geprägten
Ausdruck vom “gelenkten Zufall” zu tun, irgendwo her weht
für mich auch die Idee von Luigi Nonos “risonanze erranti” herein.
Neuwirth: Richtig: “risonanze erranti”! Für mich ist
aber in Bezug auf “... ce qui arrive ...” folgendes wichtig:
es gibt zwei zusätzliche Medien, die Sprache und das Video. Wobei
der Film genauso eine Zeitkunst ist wie die Musik. Insofern mußte
es für uns eine Fixierung der Zeit geben. Für den Ansatz des
Werks war nicht der Zufall als Form bedeutsam, vielmehr sind wir von
den Texten Paul Austers ausgegangen, in denen es um den Zufall geht.
Die Sprache liefert uns den Diskurs über den Zufall. Also Zufall
als semantische Kategorie. Der Zufall entsteht dann formal noch durch
etwas anderes: nämlich, daß nicht genau vorher planbar ist,
wie die drei Medien Musik, Sprache und Film aufeinander prallen.
Hofer: Da ist also ein nicht genau kalkulierbarer Rest im Zufallskonzept.
Neuwirth: Natürlich sind es am Ende ungefähr 55 bis 56 Minuten.
Aber fixiert waren nur drei Momente, das sind die drei Songs. Die Zeit
dazwischen, wie die Sängerin reagiert, das war ihr überlassen.
Ich wiederum habe die Auster-Texte fragmentiert und so zusammengesetzt,
daß “from hand to mouth”-Splitter auf “Red Notebook”-Fragmente
stoßen, auf neue Weise interagieren, so entsteht eine Intertextualität
allein schon zwischen den Textebenen. Wie das dann auf das Bild und die
Musik wirkt, ist noch einmal etwas anderes. Der Zufall bestimmt jeden
Moment, wie man das Gesamte wahrnimmt. Es geht um die Unsicherheit, um
den Zufall der Wahrnehmung.
Hofer: Es handelt sich also um eine Art Potenzierung von Zufällen
höheren Grades.
Neuwirth: Wie das ja auch bei Paul Auster immer ist – ein Zufall
kann alles mögliche auslösen: zwischen Lachen und Lamento,
zwischen Labyrinth und einem Wegweiser. Wie z. B. im Khoan im Zen-Buddhismus,
wo man plötzlich einen Schlag bekommt von seinem Meister, damit
man sein Denken wieder in eine andere Richtung entwickelt.
Hofer: Um über die “Musik des Zufalls” zu Paul Auster
zu kommen: Du verwendest ja eigentlich drei unterschiedliche Quellen
dieses Autors, die von Dir in neue Korrespondenzen gesetzt werden. Konkret
gefragt: hast Du die dreizehn oder fünfzehn Zufallsgeschichten aus
dem “Roten Notizbuch” nach dem Zufallsprinzip ausgewählt?
Oder hast du das gefiltert und gesteuert durch eine leitmotivische Gesamtidee?
Neuwirth: Ich bin von der ersten Fassung mit den dreizehn Stories ausgegangen
und habe mir bewußt zu machen versucht, was grundsätzlich
ihr eigentlicher Inhalt ist. Die Auswahl ergab sich durch die Konzentration
auf jene Texte, die mehr mit dem Gehalt der Songs und den anderen Textgestalten
zu tun hatten. Deshalb ist schließlich auch die Geschichte mit
dem Krieg weggefallen, die ich zunächst unbedingt drin haben wollte,
weil der Protagonist immer wieder überlebt, unentwegt durch Zufälle überlebt.
Das wäre total total herausgefallen aus dem Zusammenhang mit den
Songs, dem “am Wasser sein” und Austers Identitätssuche
eines Künstlers. Dabei geht es sowohl um die Suche und Sehnsucht
nach Liebe, als auch um den alltäglichen Überlebenskampf und
die Identitätssuche. So sind schließlich insgesamt fünf
Texte aus dem “Red Notebook” geblieben. Die haben übrigens
immer auch etwas von einer “detectiv-story”: die Suche nach
dem “Verbrechen Leben”.
Hofer: Schöne Aussichten. Das Leben als Verbrechen. Vielleicht ist
das per Zufall am Ende auch noch wahr. Nun gut: die Selektion der Texte
folgte also nicht dem Zufallsprinzip, sondern inhaltlichen Kriterien
und Konstellationen. Jetzt kommt noch die Ebene des Kartenspiels dazu,
dieses “Action Baseball”. So weit ich das kenne, muß ich
gestehen, daß mir einfach nicht klar ist, wie das zu verstehen
sei. Aber spielen vielleicht andere Elemente dabei eine Rolle für
Dich? Also optische Eindrücke als Anregung für Verfahrensweisen
im Stück, die Karten als Modelle für den Formverläufe?
Neuwirth: Als Künstler hat man es auch mit einer gewissen Ausweglosigkeit
zu tun. Manchmal hat sich beispielsweise etwas festgesetzt im Kopf, das
man nicht sofort lösen kann. Deshalb geht es bei mir um innere psychologische
und äußere Räume. Einerseits um die Weite von Wasser,
Wind, Meer und Luft. Andererseits um innere Räume. Der Raum im Kopf.
Was gleichzeitig ein Gefängnis oder die Freiheit bedeuten kann.
Das kann ja auch groß und weit sein. In diesem Sinn, mit dem Spiel,
setzt man etwas fest, weil man versucht, eine Überlebensstrategie
zu entwickeln, wie Paul Auster, der alles mögliche unternimmt, um
irgendwie Geld zu verdienen und sich dadurch die Unabhängigkeit
und die unmanipulierte Autonomie des künstlerischen Schaffens zu
erhalten. Es kommt bei ihm zu einem fast surreal anmutenden Versuch,
wie ein Kind, das alle Hoffnung setzt auf die Rettung und das Schaffen
von Rreiräumen durch ein Spiel, das es erfindet. An dieser Hoffnung
scheitert man aber meist an der Kälte, dem Unverständnis und
der Trägheit der umgebenden Menschen. Das Spiel ist so eine Art
erratischer Block im Hirn, eine idiosynkratische Idee, die eigentlich
gar nicht vermittelbar ist. Steht doch sein Spiel in krassem Gegensatz
zu den herkömmlichen, banal piependen computergesteuerten Spielen
der Jetztzeit. Aber ich glaube fest, daß sein Spiel durchaus anregender
ist für die Phantasie. Letzten Endes ist es so absurd und kompliziert,
daß ich mich dazu entschlossen habe, diese Textpassagen für
sich allein laufen zu lassen. Denn man muß sich pur hineinsteigern
in diese Welt, die aber dann auch etwas besonderes offenbaren kann.
Hofer: Zum Beispiel hier die Erkenntnis, daß trotz dieses hoffnungslosen
Unterfangens etwas wie Hoffnung gegeben sein muß?!
Neuwirth: Ja. Ich habe selbst in Amerika Baseball gespielt. Das war etwas
wunderbares. Zwischen Geschwindigkeit, Strategie, Werfen und Treffen
oder doch nicht. Daß Auster das in ein starres System gebracht
hat, also ein Geschwindigkeits-Spiel auf Stasis reduziert hat, ist schon
sehr skurril. Er beschreibt das alles nur durch Sprache. In der Unterhaltungsindustrie
der herkömmlichen Spielzeug-Welt hat das natürlich kein Mensch
verstanden bzw. verstehen wollen. Man hielt Auster einfach für einen
Spinner.
Hofer: Also das Tempo, auch ein musikalischer Parameter, wird suspendiert.
Wie gehst Du nun mit diesen inneren und äußeren Räumen
als Klangraum um? Wird das unterschiedlich ausdifferenziert – diese
Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt?
Neuwirth: Zu den inneren Räumen gehören die “hand to
mouth”-Texte und das “Action Baseball”. Das wird meistens
vom Ensemble begleitet, in immer wiederkehrenden, sich ähnelnden
Mustern und ereignet sich immer nur vorne auf der Bühne. Der Raum
ist klein, der Klangraum ist enger. Im Gegensatz zu den “Red Notebook”-Texten,
die meist in den Raum projiziert werden. Da gab es wieder einen unglaublichen
Zufall: mein Lieblingston ist D – und genau auf dieser Tonhöhe
spricht Auster ...
Hofer: ... wirklich nur Zufall ..?
Neuwirth: ... ich dachte, das gibt es überhaupt nicht. Jedenfalls
lasse ich hier die Stimme des Autors durch einen string-resonator sprechen,
den Thomas Musil so fein programmiert hat, damit die aufgenommenen Texte
einen anderen Charakter als die “hand to mouth”-Passagen
erhalten. Das ist dann so, als ob unzählige große Saiten schwingen
würden, die die Obertöne von D im ganzen Raum verstärken
und auffächern. Ansonsten ist das hörspielartiger und starrer
gehalten. Ich gebe keinen Kommentar zum Zufall ab. Sondern die verschiedenen
Texte sind jeweils mit anderen Räumen verbunden.
Hofer: Da ist dann noch die schon angesprochene Ebene der drei Songs “no
more secrets, no more lies”, die quasi als Zäsuren ins Werk
eingelagert sind. Diese Song-Texte hat Andrew Patner für dich verfaßt.
Neuwirth: Ich habe ihm meinen Wunschinhalt dafür skizziert. Und
er hat das wunderbar à la "Zweites Dreigroschenoper Finale"von
Weill umgesetzt. Als Georgette Dee dann diese Texte gelesen hat, hat
sie auf phantasievolle Weise mit eigenen Texten darauf reagiert. Einige
davon fand ich so spannend, daß ich sie beibehalten habe. Und die
werden nun zu den gesungenen Patner-Passagen gesprochen, wie ein Kommentar.
Hofer: Also auch hier ein in sich differenziertes, raffiniert aufeinander
bezogenes Verhältnis zwischen Wort- und Tongestalt.
Neuwirth: Und wichtig für mich ist noch: es kommt alles so, wie
vom Wind zugetragen. Diese Songs kommen eigentlich aus dem Nichts. Als
ob einem der Wind eine plötzliche Erinnerung zuweht. Dann ist sie
einfach wieder weg.
Hofer: Der Titel des gesamten Werks, das wäre die nächste Frage,
zitiert Paul Virilio. Und dieses “... ce qui arrive ...” ist
alles andere als harmlos. Da geht es um die Allianz von Geschichte und
Katastrophe, bis herein in unsere Gegenwart. Eine Ausstellung im Jahr
2002. Der Titel eröffnet nun verschiedene Assoziationshorizonte.
Zunächst einmal tendiert das zum Zufall – was da kommen wird.
Aber da leuchtet auch Walter Benjamins “Engel der Geschichte” herein,
wo der Fortschritt mit dem Sturmwind des Vergangenen und der Akkumulation
von Katastrophen der Jetztzeit konfundiert wird.
Neuwirth: Genau. So wie ein Spiegel. Ein Spiegel der Menschheit. Aber
ich muß da eine andere Zufallsgeschichte anfügen: Ich hatte
nämlich zuvor einen anderen Titel für das Projekt. Der Teil
aus Austers “from hand to mouth”, auf den ich abhebe, heißt
eigentlich “money chronicles”. Und indem ich die “Red
Notebook”-Passagen dazu nahm, dachte ich zunächt, daß es
eine Art von Chronik wird. Die Idee der Chronik schien mir dann aber
zu stark fixiert auf ein dokumentarisches System. Davon habe ich mich
immer weiter weg entwickelt. Ich wollte kein Auster-Dokumentar-Hörspiel.
Und da hat dann der Zufall mich wieder einmal getroffen. Indem mir eine
Triestiner Bekannte diesen Ausstellungskatalog von “... ce qui
arrive ...” gezeigt hat. In diesem Moment habe ich erkannt: der
Zufall als Katastrophe kann Dimensionen von ungeahnten Ausmaßen
annehmen. Gewisse Natur- oder technische Katastrophen bewirken, daß der
Mensch so erstarrt, daß er überhaupt nicht mehr reagieren
kann. Das ist dann etwas wie der unbewohnbare Ort. Von da an wußte
ich, es muß “... ce qui arrive ...” heißen. Denn
letzten Endes geht es in dem Stück um die Frage: Ist die Welt noch
bewohnbar?
Hofer: Da bin ich mir, was die Bedingungen und Möglichkeiten eines
wirklich fundierten Humanums betrifft, auch nicht mehr so sicher.
Neuwirth: Was zuletzt dennoch bleiben soll: Auch im absoluten Nullpunkt,
im Grunde der Katastrophe, kommt es ja doch wieder zu einer Ahnung von
Utopie. Das kann gerade das Spannende sein. Deshalb möge das gesamte
Stück schon auch eine große, hoffnungsvolle Klarheit ausstrahlen.
Es gibt darin leichte, luzide Momente. Aber eben auch das Gegenteil davon.
Hofer: Das zeichnet dich als Komponistin ganz besonders aus – daß du
in diesen extremen Kontrasten sehr konkret denken kannst. Da gibt es
keine willkürlichen Widersprüche, sondern das ist immer auch
in allem Raffinement sehr reflektiert. Auch hier, wo es sich um politisch-gesellschaftskritische
und humanistische Ansätze im Werk dreht. Ich möchte mich genau
hier ad vocem Olga Neuwirth zuwenden mit der Frage: war der Auster-Fund
in dieser Allianz Zufall? Anders gefragt: Wo kam die Idee her, wie hat
sie sich im Laufe deiner produktiven Arbeit entwickelt und verändert?
Die Sache selber ist ja ziemlich komplex. Nur um die verschiedenen Kategorien
einmal anzusprechen: Raum, bewegtes Bild, musikalisch verzweigter Strom
als mehrschichtiger Zeitstrom, der vokale Ausdruckscharakter in seinen
Differenzierungen – irgendwie geleitet mich dies alles zur Frage:
also doch Gesamtkunstwerk? Oper auf Umwegen?
Neuwirth: Das ist schon interessant: warum es ist, wie es ist. Das hängt
nämlich in gewisser Weise mit “Lost Highway” zusammen.
Bevor ich auf diesen Stoff gekommen bin, wollte ich unbedingt, daß mir
Paul Auster ein Libretto schreibt, welches ja zu einem bestimmten, fixierten
Zeitpunkt fertig sein mußte. Das war mein erster Kontakt mit ihm.
Auster war seit seiner “New York Trilogie” mein “Hero”.
Mir ist sein Schreiben so nahe: ich habe nie gedacht, es sei so irrational,
was er beschrieben und aufgezeichnet hat. Mir wurde - auch aus eigenen
Erfahrungen - klar: das ist so. Das Leben ist einfach so. Wenn man wirklich
hinschaut und hinhört. Wenn man wegschaut, will man verschiedenes
aus seinem Leben ausklammern. Also Auster saß immer im Hinterkopf.
Nachdem er damals aber an einem neuen Buch arbeitete, konnte er das Libretto
für mich nicht machen. Er sagte sinngemäß: Gerne, aber
ich bin ein Maniker und ich ziehe nun zuerst mein Buchprojekt durch.
Das habe ich sehr gut verstanden, weil ich genau so manisch bin. Wenn
man an einem Projekt wirklich dran ist, dann gibt´s keine Ablenkung,
dann geht´s ab. Die Verwirrtheit der Welt ist dann besser im Kopf
aufbewahrt.
Hofer: “Pardon wird nicht gegeben”. Interessant aber: die
Vorgeschichte zur verlorenen Idee einer Oper wird wiedergefunden und
zur fixen Idee, zum Gedankenbild eines neuen Projekts. Nunmehr ganz anders.
Was aber war zuerst? Das Video, oder die Raum-Klang-Vision? Du verfügst
ja über ein großes kompositorisches Erfahrungspotential im
Umgang mit anderen Medien.
Neuwirth: Nun, hier war es so, daß das Video substantielle Voraussetzung
für die Realisierung des Gesamtprojekts war. Damit hatte ich aber überhaupt
kein Problem. Aber Stummfilm mit live-Musik allein schien mir von vornherein
unadäquat. Leinwand mit nur davor sitzendem Ensemble, das konnte
es nicht sein. Da hat uns Andy Warhol schon in den 60-er Jahren mit "Exploding
Plastic inevitable" sehr Eindruckvolles vorexerziert. Es brauchte
also für “... ce qui arrive ...” ein durchkomponiertes
Raumkonzept. Da das Stück von Graz aus auf internationale Tournee
geht und die verschiedenen Konzerthäuser so unterschiedliche Aufführungsbedingungen
haben, bedurfte das besonderer Überlegungen. Das Grundproblem dabei:
wie kann man zwischen den Ebenen der Zweidimensionalität des Videos
und der dreidimensionalen Erscheinung der Interpreten sinnvoll vermitteln.
Ich glaube, wir haben eine mögliche Lösung gefunden. Durch
die Projektion des Videos über die weiß gekleideten Musiker,
die auf weißen Stühlen sitzen und dahinter die Leinwand. Die
Kameraeinstellung ist wie ein unveränderter Rahmen. Im Hintergrund
aber der weite, bewegte Raum von Himmel und Meer. Davor die Figur in
Bewegung, als ob sie eine Identität suchen würde. Diese Art
und Weise, auch der farblichen Behandlung (dank eines bestimmtes Konzepts
wird die Couleur der Bilder durch die erklingende Musik verändert),
hat etwas von Werner Schroeter-Filmen. Diese trashige Opernhaftigkeit
und Dramatik. Fast wie ein Kommentar zu einem Musiktheater.
Hofer: Ad Olga Neuwirth, die zweite. Folgende Frage: was hast du für
ein Verhältnis zu Zufällen. Oder was ist der Zusammenhang zwischen
Zufall und Unfall und Glücksfall? Gibt es bestimmte Begegnungen
oder Orte des Zufalls in deinem persönlichen Leben?
Neuwirth: Für mich ist es immer nur die Frage: welche Macht hat
der Zufall für ein Leben. Manchmal weiß man nicht mehr: ist
das noch wahr oder phantastisch? Insofern wird auch dieses ganze Stück
ein enigmatischer Leviathan bleiben, wenn wir schon bei Auster sind:
so ist das Leben ...
Hofer ... unverhofft kommt oft, heißt es ...
Neuwirth: ... es ist aber oft auch so, daß Wiederkehr Stasis erzeugt:
ja, das kann der Zufall auch auslösen ...
Hofer: ... das hätte am Schluß doch wiederum mit dem Verhältnis
von Zufall und Schicksal zu tun?
Neuwirth: Dieser U-Topos war für mich sehr wichtig. Deshalb bin
ich auch auf Wind und Wasser gekommen. Man hat als Mensch oft keinen
Boden mehr unter den Füßen. Deshalb geht es mir um den Nicht-Ort.
Auch in der Katastrophe. Der unbewohnbare Ort – wie gesagt. Dieser
Schwebezustand ist so faszinierend wie beängstigend.
Hofer. Stichwort: zu den (zufälligen?) Ambivalenzen zwischen den
Elementen und dem Elementaren.
Neuwirth: Oder das Rationale. Viele versuchen einfach alles im Leben
alles mit Rationalität und vernunftzu klären. Das kann leicht
dazu führen, daß es zu einem ermüdet immergleichen Denken
kommt, weil man das Unerklärliche ausschalten will. Der Zufall bedingt,
daß der Mensch erkennen muß: es ist nicht alles steuerbar,
aber das muß ja nicht von vornherein als etwas negatives angesehen
werden.
Hofer: Ernst Bloch hat einmal einige Zufallsgeschichten quasi linker
Hand aufgezeichnet. Das geht sinngemäß so: Napoleon hat eine
Biographie Julius Cäsars verfaßt, fand aber keinen Verleger.
So ist er nicht Schriftsteller, sondern Napoleon geworden. Hegel wollte
eine Geschichte der Philosophie für die Schule verfassen, daraus
ist die “Phänomenologie des Geistes” geworden. Richard
Wagner wollte endlich eine Erfolgsoper in italienischer Manier schreiben,
darüber ist dann “Tristan und Isolde” entstanden. Das
ist schon eine spannende Dialektik von Zufälligkeiten. Das mit dem
Paul Auster bei Dir, war nun alles andere als Zufall.
Neuwirth: Die “New York Trilogie” habe ich mit zwanzig Jahren
gelesen. Das war kurz nach dem Autounfall. Dieser war ein Auslöser.
Darum kommt auch die Trompete in dem Video vor, das will ich gar nicht
verhehlen, weil mir die Trompete durch den Unfall genommen wurde. Eines
Tages war es plötzlich – zack – aus damit. Und zwar
eben vollkommen unerwartet. Das wirkt zunächst wie eine Katastrophe.
Aber andererseits kommt man auf einen anderen Weg. Und man muß mit
diesem Weg umgehen. Ob man damit glücklich wird, ist noch eine andere
Sache. Man hat etwas nicht von vornherein ganz freiwillig gemacht. Oder
es war notwendig, weil man da hinkommen mußte...
Hofer: Da sind wir im Reich der Notwendigkeit und der Freiheit. Aber
wie ist es überhaupt bestellt um das Verhältnis von Wille und
Zufall, in einer Welt aus Wille und Vorstellung?
Neuwirth: Bei meinen beiden Unfällen war es so, daß ich auf
keinen Fall mit wollte. Beim ersten Autounfall habe ich mich mit Händen
und Füßen gewehrt. Mein Wille hat versucht, sich dagegen zu
wehren, aber der Wille hat sich nicht durchgesetzt. Das zweite Mal war
jetzt es wieder so: ich habe mich geweigert bei Schnee auf den Berg Richtung
Alban Berg-Villa zu fahren und mußte es trotzdem tun. Es scheint
so zu sein, daß mein Wille nicht siegen kann.
Hofer. Der siebte Sinn ist zwar da, aber das hilft nichts.
Neuwirth. Ja. In meinem Leben ist der Zufall größer. Meinen
Willen habe ich noch nie durchsetzen können ...
Hofer: ... da würde ich nun entschieden Einspruch erheben, euer
Ehren. Aber ich habe, hier her passend, ein weiteres Stickwort in petto: “corriger
la fortune”. Und zwar verbunden mit einer Anekdote, die von Rousseau überliefert
wird. Er hat nämlich einen Baum der Erkenntnis, der Wahrheit gepflanzt,
derer man aber nur habhaft wird, wenn man mit einem Stöcklein mitten
ins Zentrum des Stammes trifft. Dann war man auf der Spur der Wahrheit.
Nun hat Rousseau zunächst immer daneben geworfen. Und als er endlich
dann doch ins Zentrum traf, hat er die Fehlwürfe einfach annulliert,
für ungültig erklärt. Das seien nur Versuche gewesen.
Neuwirth: Das ist eine klare Manipulation des eigenen seins, ein Verdrängen
des eigenen Scheiterns, eine Selbstbelügung. Eine Überlistung
des eigenen Ich ...
Hofer: ... aber durch die List des Zufalls treibt es ihn doch auf die
richtige Spur.
Neuwirth: Ja, genau. So war das auch mit meinem ersten Unfall. Vielleicht
hat das so sein müssen. Daß ich Komponistin geworden bin.
Also nicht aus freiem Willen, sondern weil mir ein anderes Ausdruckmittel
genommen wurde. Man sucht und sucht und eiert herum und dann trifft man
plötzlich doch den Baum. Aber ich glaube gar nicht so sehr an den
Baum der Wahrheit und der Erkenntnis, ich glaube eher an Andrzei Tarkovskys
Baum im “Opfer”. Der Protagonist pflanzt da am Anfang einen
Baum, der kann gar nicht wachsen. Der Baum ist kaputt. Aber obwohl er
kaputt ist, glaubt der Vater daran und vermittelt auch seinem Sohn damit,
daß es eine Hoffnung immer geben muß.
Hofer: Das Bild, das du da beschreibst, hat fast etwas Beckett-haftes – “Warten
auf Godot”.
Neuwirth: Man ist auf einem unendlichen Weg und man scheitert immer wieder,
das ist Selbsterkenntnis durch Hinterfragung für mich. Aber man
muß weiter hoffen. Mir ist dieser Hoffnungsgedanke lieber, als
ständig sinnlos gegen eine Mauer zu rennen, bis man endlich Erkenntnis
findet. Man muß von vornherein über sich und die Welt reflektieren
und nichts in seinem Leben verleugnen und verdrängen, denn das kommt
ohnehin alles wieder hoch, ob man will oder nicht.
Hofer: Es gibt auch die Wendung “Glück im Unglück”.
Wie Du das hier mit den neuen und anderen Wegen beschreibst.
Neuwirth: Der Zufall hat immer die beiden Seiten in sich. Das positive
und das negative sind die zwei Seiten der Medaille. Auch bei Menschen.
Man trifft zum Beispiel auf Menschen, die können einen stark beeinflussen,
positiv wie negativ. So kann man auch “corriger la fortune” von
zwei Seiten sehen. Einerseits, daß einen der Zufall in eine Richtung
lenkt, an die man nicht gedacht hätte, wie diese Lenkung durch den
Schlag von einem Zen-Meister. Andererseits ist es oft eine Selbstmanipulation,
eine Selbstverleugnung, die dann erst recht ins negative umschlägt.
Hofer: Der Zufall läßt sich auch als positive Fügung
nicht erzwingen. Das ist offenbar die Autonomie des Zufalls.
Neuwirth: Es steckt beides in ihm drinnen. Darum hat man ja auch so Angst
vor ihm.
Hofer: Aber Dir scheint doch insgesamt, wenn man alles zusammennimmt,
im “Prinzip Zufall” ein Mehr an schattenhaften denn an Glücks-Momenten.
Oder läßt sich da gar nichts quantifizieren.
Neuwirth: Ich glaube nicht. Denn es ist alles möglich. Wichtig ist,
wie man darauf reagiert: das Handeln. Deshalb gibt es in "...ce
qui arrive..." auch den Song “no more secrets, no more lies”.
Hofer: Das hätte man als Forderung zu begreifen, als Appell, als
Aufforderung. Nach dem Motto: “Schluß damit, fangen wir an”.
Aber ich kam jetzt deshalb darauf, weil es im Englischen “by chance” heißt.
Da steckt auch etwas von der Chance darin.
Neuwirth: Genauso im Italienenischen “per caso”. Iim Deutschen
heißt es nur Zufall.
Hofer: Aber es scheint sich jetzt doch immer mehr heraus zu kristallisieren,
daß der Zufall die Welt entscheidend bewegt.
Neuwirth: Weil er die Absichten hintergeht. Der Mensch hat ja ständig
irgendwelche Absichten, Regel und Normen, die er errichtet, im Politischen
und im Sozialen und Zwischenmenschlichen. Alles muß rational erkennbar
und begreifbar sein. Das wird von Zufall unterlaufen. Wir können
eben nicht alles im Griff, unter Kontrolle, haben. Das ist unmöglich.
Es geht auch gegen die Zweidimensionalität der Mathematik, alles
berechnen zu wollen. Das wird vom Zufall auf härteste Weise verweigert.
Hofer: Und der Zufall ist kein abstraktes Prinzip, sondern oft sehr konkret
und höchst folgenreich. Also da ermordet jemand einen Thronfolger
in Serbien und plötzlich sind wir mitten im Weltkrieg.
Neuwirth: Die Ermordung war aber geplant, nicht zufällig, dennoch
kam es zum Schmetterlingseffekt. Der Zufall ist zumeist ein Auslöser
von etwas. Was vom Menschen nicht vorhersehbar ist. Das kann eben in
die Katastrophe führen. Doch das Wunderbare am Zufall ist auch:
er richtet sich gegen die Enge des Denkens. Es werden Räume aufgebrochen,
von denen man vorher keine Ahnung hatte.
Hofer: Das Unwillkürliche, die Plötzlichkeit, der Umschlag.
Gibt es jetzt in Sachen Zufall zufällig noch etwas anderes neben
Paul Auster, das Dich in der Literatur beschäftigt hat?
Neuwirth: Vielleicht noch die short-stories von Patricia Highsmith. Wiederum
das detektivische Moment, aber dann vor allem die menschliche Psychologie:
wo Dinge, meist zwischen Menschen, eintreten, mit denen der Mensch nicht
umgehen kann. Da geht es meist um zwischenmenschliche Beziehungen. Es
kommt meist zu ausweglosen Situationen, Beklemmungen, da man nicht weiß,
in welche Richtung es gehen wird. Eine Schwärze hält Einzug,
wie bei Paul Auster verbunden aber mit einer sprachlichen Leichtigkeit.
Hofer: Ja – diese “unerträgliche Leichtigkeit des Seins”.
Neuwirth: Weil die Menschen immer glauben, man muß die Leichtigkeit
erzwingen. Das geht aber nicht, die läßt sich nicht erzwingen!
Also ich kriege da Zustände. Die muß von selbst entstehen
und die bedingungen dafür müssen stimmen. Auster untergräbt
in seinen Stories die oberflächlichen Einstellungen, wie unsere
Welt zu funktionieren habe. Es gibt eben so viele unerklärliche
Dinge, die anderes als erwartet, auslösen. Das muß man sehr
wohl sehen und erkennen. Aber da fällt mir noch etwas ein, was ich
schon früh, mit sechzehn Jahren gelesen habe: “Die Brücke
von San Louis Rey” von Thornton Wilder. Übrigens auch eine
wahre Geschichte: warum sind genau diese sechs sehr unterschiedlichen
Menschen ausgerechnet zu dieser Zeit auf der selben Bücke, als sie
einstürzt? Und ein Priester, der den Einsturz beobachtet hat versucht
nun herauszufinden, wie alles mit allem in dieser Katastrophe zusammenhängt.
Das hat mich sehr fasziniert damals.
Hofer. Also es ist wirklich nichts zufällig, was uns so zufällt.
Neuwirth: Nicht wirklich. Nach meinem Motorad-Unfall hat mir Betty Freeman
geschrieben: “Olga, Olga, ich weiß schon, wie das bei Dir
immer wieder ist. Ich möchte Dir nur dies sagen: Das Leben ist Schicksal”.
Diese Häufung von Zufällen kann es nicht geben. Das ist vorbestimmt.
Natürlich will man so etwas nicht wahr haben. Aber wahrscheinlich
hat sie recht. Sie ist ein Mensch, der von vornherein erkannt hat, daß für
eine Person nichts zufällig eintritt.
Hofer: Schicksal, heißt es einmal bei Walter Benjamin, ist der “Schuldzusammenhang
des Lebendigen”. Natürlich ist damit die Tradition der antiken
Tragödie angesprochen: die Götter bestimmen das Schicksal,
es gibt keinen Ausweg – siehe das Geschlecht der Atriden, siehe Ödipus.
Es fehlt das Moment, das dann erst im Trauerspiel auftaucht, daß es
die Möglichkeit der Emanzipation des Individuums gibt, auch durch
das Medium der Reflexion. Dadurch wird die Macht des Schicksals ein wenig
modifiziert. Es öffnen sich Fluchtwege. Zum Beispiel auch darin,
daß es den Menschen gelingt, “heraus zu treten aus der selbst
verschuldeten Unmündigkeit”. Also es kommt ein Impuls von
Aufklärung hinzu, auch von List der Vernunft. Odysseus/Ulysses stünden
hier gemeinsam als Leitfiguren an der Grenze des Fruchtlands. Und es
eröffnet sich auch die Chance: durch Mündigkeit einzugreifen,
im Sinne von Fortschritt, Humanum und Utopie. Aber es droht immer zu
scheitern. Und die wenigsten machen es in der Realgeschichte.
Neuwirth: Es ist eben ein Problem des Menschen, auch die Theorielastigkeit
ohne dazugehöriger Praxis. Darum interessiert mich immer wieder:
der Mensch – und wie er auf Dinge reagiert. Er handelt an sich
schon viel zu wenig selbstbestimmt. Und wenn dann noch der Zufall dazu
tritt, ist er sowieso lahmgelegt. Der Mensch läßt sich viel
zu leicht irritieren. Würde er eigenständiger reflektieren,
müßte er doch z.B. versuchen, im zwischenmenschlichen Bereich
den Zufall und das Schweigen durch Kommunikation auszuschließen.
Sonst nimmt man den anderen Menschen eigentlich nicht ernst. Aus Respektlosigkeit.
Man nimmt ihm die Würde. Sicher waren die Götter in der antiken
Vorstellung völlig respektlos. Deshalb habe ich das Stück geschrieben: “Marsyas”.
Das ist nicht nur ein Paradigma für den Künstler, sondern für
den Mensch an sich. Wenn sich jemand abrackert aus Leidenschaft (dazu
gehört auch das Leid) zu einer Sache und sein Widerpart, sei es
ein Einzelner, eine Institution, Volk oder Staat – gut hier ist
es ein Gott –, so allmächtig an sich glaubt und eh von vornherein
weiß, daß er gewinnt, oder der Stärkere oder der Wissendere
ist, dann mißachtet er den anderen Menschen. Das kann und darf
doch nicht sein! Wer von vornherein glaubt, er sei besser als ein anderer,
ist herablassen und ungeheuer mickrig. In dieser Hinsicht werde ich langsam
immer konsequenter und härter: das kann ich nicht mehr akzeptieren.
Damit will ich nichts zu tun haben.
Hofer: Miteinander also, nicht gegeneinander. Das Fremde und Andere wenigstens
tolerieren.
Neuwirth: Natürlich! Das wird auf gewisse Weise auch bei Virilio
thematisiert. Er stellt die technischen, vom Menschen selbst gemachten
Katastrophen den Naturkatastrophen gegenüber, die freilich auch
vom Menschen verursacht sein können. Durch Nonchalance gegenüber
Folgen, Gleichgültigkeit und Besserwisserei, indem alle Warnungen
in den Wind geschlagen werden.
Hofer: Das hat alles mit einer “Dialektik der Aufklärung” zu
tun. Das Verhältnis zwischen Mensch und Natur: es geht ja gar nicht
um Naturbeherrschung, sondern um die Beherrschung des richtigen Verhältnisses
zu ihr. Aber ich hätte da noch ein weiteres Stichwort: “der
blinde Zufall”.
Neuwirth: Das ist sozusagen eine umgangssprachliche Wendung dafür,
daß man den Zufall nicht sehen kann. Es ist eine Visualisierung
des Zufalls, indem man ihn eben nicht sehen kann. Eigentlich ein Art
Verdoppelung, Verstärkung des Wortes.
Hofer: Ich finde nur die Wendung so schön, dieses Bild ...
Neuwirth: ... ja, das ist schön. Er ist doch auch blind, der Zufall,
er tapst irgendwo hin ...
Hofer ... und da gibt es dann die Shakespearsche Wendung: “Deshalb
schuf Zeus den Gott der Liebe blind” ...
Neuwirth: ... was ja auch stimmt ...
Hofer: ... aber deshalb schießt Amor doch auch so oft daneben ...
Neuwirth: ... er trifft einfach wirklich oft die Falschen. Aber im Ernst:
es geht um die Liebe und das Irrationale und Unvernünftige. Wie
wunderbar! Deshalb ist das auch ein unglaubliches Bild für den Zufall.
Eigentlich ist Amor der pure Zufall. Mit den zwei Seiten einer Medaille.
Oft wird eben daneben geschossen. Jegliche Rationalität wird ausgeschaltet.
Und wenn man später, mit Abstand, nachdenkt über den Casus,
fragt man sich: “ja bitte schön: war ich blind? Blind vor
Liebe?” – Der Zaubertrank ist es auch, der Verwechslungen
und Blindheit auslösen kann (siehe "Tristan und Isolde").
Eine Aktion, das Abschiessen des Pfeiles, wird getätigt. Und der
kann man nicht entkommen... im positiven wie im negativen.
Hofer: “Tristan und Isolde” ist ein Nachtstück. Es kann
nur da spielen. Wenn die Nacht der Liebe herabsinkt, kann die Welt untergehen
oder sonst was – das ist den beiden “der Nacht Geweihten” vollkommen
egal.
Neuwirth: Es ist “der andere Zustand”. Das gefällt mir
auch an dem “Guten Gott von Manhattan” von Ingeborg Bachmann
so gut. Dieses schöne Bild: die Liebenden gehen in einem Hochhaus
immer höher nach oben, in ihrer Liebe zueinander. Aber im letzten
Moment, im letzten Stock geht er weg, weil er sich angeblich etwas zu
essen holt. Also er verläßt diesen Zustand und schon tritt
die Katastrophe ein, indem sie da oben allein stirbt. Einer steigt immer
aus. Bei “Tristan und Isolde” oder bei “Romeo und Julia” ist
es der gesteuerte Zufall durch die Gesellschaft, der diese Katastrophen
auslöst. Der andere Zustand verstößt gegen die Regeln
der gesellschaftlichen Verhältnisse und Vereinbarungen. Der irrationale
Zustand darf nicht sein, weil er die Non-Konformität repräsentiert
und daher irritiert. Der Ordnungsruf lautet dann: “seid vernünftig!” Warum
eigentlich? Ganz im Gegenteil!
Hofer: Dieser Ausnahmezustand ist wohl nur über das Medium der Kunst
herstellbar – was Du meinst mit den utopischen Momenten dieser
Gegenwelt. Der “andere Zustand” ist ja vielleicht auch das
geheime Scharnier zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit in Robert
Musils “Mann ohne Eigenschaften”.
Neuwirth: Dieses Kakanien muß es ja irgendwo geben. Auch wenn es
auf keiner Landkarte verzeichnet ist, man muß immer weiter suchen.
Auch nach den richtigen Orten für Zufälle. Sonst kommt man
in die Krise, weil man blutleer wird, wenn man alles stets unter Kontrolle
haben will.
Anhang:
Sätze vom Zufall
Paul Auster: Chance is a part of reality.
Georges Bernanos: La vie quotidienne est aujourd´hui devenue un
pur hazard. Un accident permanent.
Paul Virilio: L´hazard est une loi pour sauver la nuit.
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