Kryptoamnesie in der Musik? Arbeitsbericht einer Versuchsanordnung (in: Die Gabe von Olaf Nicolai) © 1996 Einen Raum, einen verlassenen, erschrockenen, leeren Raum mit Klang zu
durchfluten, heißt, seine Zeit zu gestalten, ihm einen Moment einzuschreiben.
In Pallas/Construction für drei im Raum verteilte Schlagzeuger und
Live-Elektronik (1996) habe ich, wie schon viele Komponisten vor mir,
versucht, den Raum als noch nicht organisierten zu erfassen, sondern mit
Hilfe von Live-Elektronik das zentralperspektivische Denken hinter mir
zu lassen, um Räume zu simulieren, die ich für mich zum Beispiel
Verspannungsraum, Rotationsraum, starrer Raum oder Rhythmusraum benannte.
Trotz vieler Aufrufe seit den 50er Jahren nach neuen Räumen ohne
Mittelpunkt, beharrt man im Großteil des Konzertlebens auf der völligen
Neutralisierung des Raumproblems. Obwohl z.B. der israelische Architekt
Scharoun in der Berliner Philharmonie die Räume brach, um der Musik
als authentisches Problem des Hörens Platz zu geben, blieb es beim
organisierten, zentrierten Raum um weiterhin Diven und vor allem Stardirigenten
aus einem einzigen Blickwinkel zu sehen und zu hören. Das führt
das Publikum weiterhin zum Zelebrieren eines Stars als einziges Zentrum.
Wer Raummusik ohne Mittelpunkt, also ein anderes Hören wahrnehmen
will, kann ab 1998 jährlich zum Akiyoshidai Festival nach Japan fliegen,
wo speziell für ein nicht-zentralperspektivisches Hören vom
renomierten japanischen Architekten Arata Isozaki ein eigens dafür
entwickelter, variabler Raum entsteht. Wir in Europa haben es anscheinend
nach über vierzig Jahren immer noch nicht geschafft, neues Raumdenken
auch in Bauten umzusetzen ... |
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Deswegen, weil a) diese Musik eine Erinnerung an den Ort meiner Kindheit ist b) sie ein kurzes, prägnantes "Klangobjekt" darstellt |
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| Der Beginn das
Schlagzeugstücks (siehe 2. Erinnerungskästchen), zehn Takte, die
aus Klängen bzw. Klangkombinationen bestehen, die im Stück in
dieser Form nie wieder vorkommen, werden live aufgenommen und in ein Loop
auf vier bis sechs Lautsprecher gelegt, welche in großer Entfernung
und Höhe von den Schlagzeugern und dem Publikum postiert sind. Wenig
später wird die oben zitierte steirische Volksmusik ins Loop miteingespeist.
Klänge meiner Geschichte verbinden sich durch fernen Nachhall mit künstlichen
"Klangobjekten", die je nach Interpretation jedesmal etwas anders
klingen werden, zu einem Klangkontinuum, welches ich "Mémoire"
nannte. Dieses zähflüssige Amalgam der Erinnerung kreist bis zum
Ende des Stückes äußerst leise um unsere Köpfe. Nur
in bestimmten Momenten blitzt diese "Mémoire" plötzlich
auf. Dazu ein Zitat von Walter Benjamin:" Das wahre Bild der Vergangenheit
huscht vorbei: Nur in dem Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick
seiner Erkennbarkeit eben aufblickt, ist die Vergangenheit festzuhalten."
(siehe 3. Erinnerungskästchen) |
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