Bählamms Fest, klassik.com Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf Kritik von Patrick Beck , 18.01.2004 (Ausschnitt) Für Olga Neuwirth hat Musik nicht den Sinn "einzulullen und gefügig zu machen". Vielmehr soll die Musik als Mittler von Gedanken Anreiz und Unterstützung sein, ,das Gewohnte zu begreifen, das Herrschende zu überwinden und ins Unbekannte vorzustoßen'. Damit trifft Olga Neuwirth das Wesen aller Kunst. Der Mensch wird in die Welt hineingeboren. Gewohnheiten, Sprache, Traditionen, alles wird übernommen. Vieles hat längst seinen Sinn verloren, trotzdem hält man daran fest. Nur die wenigsten unserer Gewohnheiten und Handlungen sind uns bewusst, nur die wenigsten haben wir verstanden. Kunst entbirgt Wahrheit, und darum ist es die Aufgabe des Künstlers, die Welt zu öffnen. Ein nicht unerheblicher Teil des Textes wird gesprochen. Der Gesang bezeichnet meist ein Übergleiten des Realen ins Surreale. Die Musik ist von gewaltiger bildlicher Kraft. Sie umgibt und zeichnet das Geschehen mit vielfältigsten surrealen Traumbildern, bei denen (wie im Traum) jeder Versuch eine Struktur zu erkennen scheitert. Der Instrumentalklang des solistisch gebrauchten Kammerorchesters verschmilzt einerseits mit den elektronischen Klängen wie andererseits die menschlichen Stimmen mit eigenen elektronischen Verfremdungen (z. B. als Klangmorphing) verschmelzen. Nie weiß man, was man hört, obwohl man es doch klarer nicht hören kann eine gelungene Evokation einer surrealistischen Traumwelt. Wenn man beispielsweise die Bilder Salvatore Dalís oder Yves Tanguy zum Vergleich heranzieht: Olga Neuwirths Welt ist weit phantasievoller. Und trotz aller Vielfalt und des eher verschreckenden Geschehens vermittelt ,Bählamms Fest' eine gelassene Größe, wie sie etwa der Leser von Homer ,Illias' im größten Schlachtengetümmel erfährt. Insofern kann zur Interpretation nicht viel gesagt werden, außer dass die Verschmelzung zwischen Instrumentalklang, menschlichen Stimmen und elektronisch erzeugten Klängen hervorragend gelungen ist und dies auf der vorliegenden CD trotz der Klanggewalt ohne Abstriche wiedergegeben wurde. Für mich ist die vorliegende Einspielung der Uraufführung eine der wichtigsten und empfehlenswertesten Neuerscheinungen des letzten Jahres. Möge "Bählamms Fest" doch auch ein Anlass für die Intendanten unserer Opern- und Konzerthäuser sein, einmal darüber nachzudenken, ob sie Musik-Museen oder Orte von gesellschaftlicher Bedeutung sein wollen. Aufgrund der herausragenden Bewertung erhält die Einspielung die Auszeichnung "Empfohlen von klassik.com". up |
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