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Endstation Sehnsucht

Kritik von Paul Hübner, 16.05.2007

Neuwirth, Olga: Lost Highway
Label: Kairos

Interpretation: 5 Sterne
Klangqualität: 5 Sterne
Repertoirewert: 4 Sterne
Booklet: 5 Sterne


‘Lost Highway’ als Vorlage für ein Musiktheater erweckt ungewöhnliche Erwartungen. David Lynchs Kultfilm ist ein psychotischer Trip, eine ‘radikale Abrechnung’ mit dem Erzählprinzip der fortschreitenden Handlung. Wo Film, wo Musiktheater, bisher vom vereinheitlichenden, alles überblickenden Betrachter ausging, rammt Lynch seiner Hauptperson die Kamera gleichsam ins Hirn, in die tiefsten Abgründe der Seele, so dass ein völlig neuer Blick entsteht. Diesen in Musik umzusetzen, war die neue Herausforderung, der sich die junge österreichische Komponistin Olga Neuwirth gemeinsam mit ihrer Librettistin Elfriede Jelinek stellen wollte. Herausgekommen ist etwas verblüffend Neues, das zeigt, wie wenig heutiges Musiktheater in einer vermeintlichen Sackgasse festgefahren ist, wenn neues Terrain mutig beschritten wird.

2003 beim Steirischen Herbst in Graz uraufgeführt, ist das Werk nun auf einer Doppel-CD bei Kairos erschienen. Aufgrund der besonderen Anordnung der Klangräume liegt die Aufnahme im 5.1-Surroundformat vor – das grundsätzliche Problem der rein auditiven Wiedergabe von Musiktheater soll an dieser Stelle außen vor gelassen werden.

Ob so etwas wie eine fortschreitende Handlung in dieser Form – oder Formlosigkeit – noch erzählbar sei, ist fraglich. Neuwirth und Jelinek bieten dem Zuschauer ein Szenario an, doch entpuppen sich alle Dialoge immer mehr als eigentlich inhaltslos, zugunsten eines vielschichtigen Abbilds von Seelenräumen, die weder Anfang, noch Mitte, noch Ende kennen. Die Musik beschränkt sich nicht auf Illustrierung oder Karikierung der Obsessionen, sondern quillt gewissermaßen aus den Schädeldecken der Personen hervor, zeichnet die psychosozialen Prozesse bis ins Kleinste nach. Es entsteht ein spannend alptraumhafter Dialog zwischen Film und Musik, ständig am Rande des Abgrunds wandelnd, zwischen Horror und Gewalt, der Grund und Fragwürdigkeit der menschlichen Existenz verstörend untersucht.

David Lynchs Film ist eine Expedition in die Vorstellungswelt eines Mannes, der aus Eifersucht seine Frau umbringt und in eine andere Identität flüchtet. Dieser äußere Vorgang dient als Abbild allgemeinmenschlicher seelischer Bedrängungen und Ängste, eine Parabel über Gier und Sehnsucht, Angst und Schmerz, Brutalität und Grausamkeit des Seins.

Neu und ungewöhnlich ist nicht nur die veränderte Erzählstruktur, die Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek virtuos auf die Bühne gebracht haben. Selten erlebt man eine so schonungslose Darstellung des Horrors auf der Bühne, eine so konsequente Dekonstruktion und Eskalation. Je grausamer das Geschehen der Filmvorlage, desto eigenständiger wird Olga Neuwirths Musik. Unerträglich fast der Gegensatz zwischen dem ausführlich verreckenden Mr. Eddy, der nur noch gurgelnde Kehllaute von sich geben kann, und pulsierenden Bläserwellen, die sein Sterben rhythmisch aushauchend begleiten. Von Bedeutung sind auch die unterschiedlichen Register der Sprachfarben, die vom nuschelnden Flüstern über dreckigen Gangster-Slang zu hysterischem Losprusten mit allen erdenklichen Zwischentönen reichen. Hier haben Sprache und Gesang jeweils eigene Funktionen; der auf der Bühne singende Mensch bedarf tatsächlich einer Rechtfertigung, und Olga Neuwirth setzt die unterschiedlichen Ebenen sprachlicher Gestaltung mit feiner Raffinesse ein.

Musik dient schließlich auch dazu, das Unausgesprochene darzustellen. In ‘Lost Highway’ findet ein einziges Totschweigen offener Fragen statt, Schweigen und dementsprechende Informationslosigkeit werden zur Demonstration von Macht und Hörigkeit. Zuletzt verebbt das laute Schreien von Fred, der Hauptperson des Werkes: in vollkommener Stille – und Stille kann sehr laut sein – liegt der ‘Lost Highway’ vor dem Betrachter. Zurück bleiben die Erinnerung an ‘Gewalt, Liebe, Verlust und Schmerz’. Und an dieser Endstation offenbart sich eine Ahnung von einem anderen Lebensentwurf trotz aller kalten Mechanik, die menschliche Handlungen bestimmt.

Die eindringliche Musik wird von den Musikern des Klangforum Wien unter der Leitung von Johannes Kalitzke virtuos dargeboten. Zusammen mit dem präzisen Einsatz der Elektronik durch das Institut für Elektronische Musik und Akustik der Grazer Musik-Universität wird dem Hörer etwas geboten, das mit lautmalerischer Filmmusik glücklicherweise wenig zu tun hat. Dissonante Grimassen, ähnlich den Masken, unter denen die Akteure ihre Identität verbergen, mischen sich mit löchrigen Zitaten von Monteverdi bis Lou Reed.
Das engagierte Sängerensemble gibt die facettenreiche Farbpalette von Neuwirths Stimmregistern mit hingebungsvoller Genauigkeit wieder, dass selbst im heimischen Wohnzimmer die abgrundtiefe Seelenwelt von Lynchs Figuren schauderhaft lebendig wird. So innovativ kann Musiktheater heute sein. Eine Aufnahme, die beweist, dass ‘Operngeschichte’ weitergeschrieben wird.




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