olga neuwirth
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Hooloomooloo
© 1997

1987 sah ich in New York eine Frank Stella-Retrospektive im Museum of Modern Art und war sofort von seinen Arbeiten begeistert. Als letztes Jahr auch in München eine große Stella- Ausstellung gezeigt wurde, entschloß ich mich, auf meine Weise auf seine Werke zu reagieren. Speziell hatten es mir die Reliefs angetan, da uns die Existenz eines Innenraumes angedeutet wird, ohne daß sich dieser dem Blick wirklich eröffnen würde. Das Relief tritt uns entgegen, versagt aber letztlich den Blick ins Innere. Dies fand ich grundsätzlich eine schöne Metapher für meinen kompositorischen Ansatz.

"Illusionistisch" schienen mir die Bildreliefs, weil sie mehr inneres Volumen vorspiegeln, als sie in Wirklichkeit besitzen. Aus der Nähe betrachtet geben die Reliefs den falschen Schein, auf dem die Illusion aufgebaut ist, offen zu erkennen. Die verlockende, illusionistische Täuschung kippt um in Enttäuschung über falschen Zauber, gefolgt von einem befreienden Lachen über die erkannte eigene Verführbarkeit. Alles, was ich hier zu schildern versuche, gilt in dem Fall auch für die musikalische Komposition "Hooloomooloo" (nach Stellas "Hooloomooloo" aus seiner Serie "Imaginary Places"). Das kunstvolle Spiel der Ambivalenzen von Vordergrund und Hintergrund, die reichen haptischen Qualitäten und räumlichen Modellierungen seiner Suggestionsräume, der Quasi-Geschwindigkeit und der sinnlichen Präsenz von Körper, der Oszillation zwischen realer Fläche und imaginärer Räumlichkeit, zwischen geschlossener Ganzheit und disparater Eigenständigkeit der Teile haben mich unmittelbar angezogen und an Texturelemente in meinen Kompositionen erinnert. Wohl auch deswegen diese Faszination, da auch die Desillusionierung der Illusion all dieser Techniken noch zur Verführungstrategie des uns im Raum entgegenkommenden Bildreliefs gehört ...

Die Grenze zwischen Draußen und Drinnen, zwischen dem Realraum außerhalb unserer selbst, der den Körper umgibt, in dem sich der Körper bewegt (in meinem Fall z.B. der Konzertraum) und unseren inneren Vorstellungsräumen, denen die Räume der Malerei und Reliefs entspringen - hier der Klangraum des von mir ausgewählten Ensembleklanges - , die wiederum als eigenständige Imaginationsräume erfunden wurden. Es möge die Trennwand zwischen Empfindungsraum der Innerlichkeit und dem Außenraum jenseits der Körpergrenze reißen. Diese imaginären Klangräume mögen zugleich hinein in die Regionen der ungreifbaren, aber nichts destoweniger erfahrenen inneren Vorstellungsräume, wo die Bilder der Imagination und Empfindung wohnen und im gleichen Moment damit hinaus in den Außenraum führen.

"Ich benötige eine Oberfläche, von der ich den Eindruck habe, daß es sich lohnt, sie zu bemalen, darum muß ich sie selbst herstellen" (Stella zu William Rubin). Von diesem Zitat Stellas ausgehend, begann ich meine eigene "Grundfläche" zu gestalten. Ich beschränkte mich auf einen Ton (erniedrigtes es') am eingespielten Onde Martenot (völlig andere Klangqualität als das traditionelle Ensemble, da ein semi-elektronisches Instrument), der langsam seine Klangfarbe verändert und im Laufe der Zeit verschiedene Register - also den Klangraum - durchschreitet, um wieder zum obertonlosen es' zurückzukehren. Um diese, das ganze Stück durchlaufende "Grundfläche", bewegen sich analog zum Triptychon "Hooloomooloo" drei verschieden besetzte Ensembles im Spiel um Vordergrund und Hintergrund. Diese drei Ensembles bilden drei nebeneinander gleichwertige Varianten. Jedes einzelne besitzt in gewisser Weise eine eigenständige Aussage und gleichen Wert wie die anderen zur "Grundfläche", aber nur in der Gesamtheit ist die Fassung vollständig.

Die Komposition ist eine pulsierende Bewegung, die den Hörer anziehen und abstoßen möge, ihn in den Klang hineinziehen soll und von diesem auch wieder hinausgeworfen werden kann. Man hört etwas, das sich zurückzieht, und etwas, das nach vorne drängt, also etwas Zurück - und etwas Hervortretendes, eine Rezession und Projektion. Es ist der Versuch, dem Stück einen ihm eigenen Raum mit eigener Aktivität zu geben. Ich wollte zwar auf Stellas Werk explizit hinweisen, ohne aber daß daraus je Schlußfolgerungen für die Interpretation dieser Komposition gezogen werden sollen.

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